Braune Flecken.

29206387910_c378a52218_mDie GRAS TU hat im letzten Jahr immer wieder auf die nur punktuelle oder gar inexistente Aufarbeitung der Vergangenheit der Technischen Universität Wien aufmerksam gemacht – manchmal mit Erfolg, manchmal ohne. In einem Beitrag aus der Reihe Dimensionen. Welt der Wissenschaft ging nun auch Ö1-Journalistin Tanja Malle der Frage nach, was getan wurde, wird und noch zu tun ist. Ihr Fazit: “Was bisher geschah, ist vor allem dem Engagement einzelner zu verdanken. Eine systematische, umfassende Aufarbeitung gibt es bisher nicht” – daran ändert auch die Kontextualisierung der Lueger-Tafel an der Fassade des TU Hauptgebäudes wenig – ist diese doch eher im Ton “es war nicht alles schlecht” gehalten.

An dieser Stelle sollen ein paar Informationen zusammengetragen werden, um aufzuzeigen, wie dringend notwendig eine systematische Erforschung der braunen Vergangenheit der TU ist. Was die GRAS TU in diesem Zusammenhang fordert, könnt ihr der untenstehenden Linksammlung entnehmen.

Antisemitismus und Deutschtum

Die Technische Hochschule, wie die TU Wien damals noch hieß, war die erste Hochschule Österreichs, die einen antisemitischen Numerus Clausus einführte: Bereits 1923 wurde die Zahl jüdischer Hörer_innen beschränkt, und schon nach 1919 wurde kein konfessionell jüdischer Professor mehr berufen. Seit jeher galt – und damit rühmte sich das Rektorat zum damaligen Zeitpunkt – die Technische Hochschule Wien als “Hort deutschnationaler Gesinnung”. Dies bedeutete, dass selbst zugelassene jüdische Studenten und auch solche slawischer Herkunft von schlagenden Burschenschaftern mit Gewalt am Besuch von Lehrveranstaltungen gehindert wurden: Sie wurden vor der Hochschule schlicht und einfach verprügelt.

Die Rolle der TH im Krieg

Während des Krieges war die Technische Hochschule Wien als “kriegswichtig” eingestuft, sie erhielt also vermehrt staatliche und militärische Forschungsgelder. Spannend ist, dass im Verzeichnis der Diplomarbeiten und Dissertationen zahlreiche Einträge als “geheim” gekennzeichnet sind. Drei davon sogar mit der Geheimstufe SS, also mit einer der höchsten Geheimhaltungskategorien. Diese Arbeiten sind zum großen Teil nicht archiviert worden – es ist bis heute nicht bekannt, was sie enthielten. Zusätzlich arbeiteten viele Professoren der Technischen Hochschule als Gutachter und Berater in der Kriegsindustrie für die Nazis.

Rechte Recken im Rektorat

Doch auch in Bereichen, in denen der Hintergrund der Personen bekannt ist, unternimmt die TU Wien nichts, um ihre braunen Flecken zu bearbeiten: Im Vorzimmer des Rektorats gibt es beispielsweise die Rektor_innengalerie. Es handelt sich dabei um eine Porträtsammlung, die die Geschichte der Rektoren (bisher gab es erst eine Rektorin, welche aktuell auch noch im Amt ist) visualisiert. Völlig unkontextualisiert finden sich auch die Porträts aus der Zeit des Nationalsozialismus dort: Fritz Haas und Heinrich Sequenz. Mit den Porträts beauftragt wurden noch bis weit in die 50er Jahre hinein Künstler, die Mitglieder der NSDAP sowie der Reichskunstkammer waren.

Opfergedenken

1965 entstand an der Technischen Hochschule ein Ehrenbuch der Opfer und Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Unter der Rubrik “Opfer des Widerstandes” wurde zu diesem Zeitpunkt nur ein Name angeführt, ein zweiter wurde später ergänzt (Nein, die Technische Hochschule hatte keine Widerstandszelle, wie dies etwa an der Universität Wien oder gar an der Universität für Bodenkultur der Fall war.).

Die Opfer der Shoa sucht eins in diesem Buch vergeblich. Auch die Liste der Ehrendoktorate ist bis heute keine ruhmreiche: Auch wenn die TU einen “kritischen und reflektierten Umgang mit ihrer eigenen Vergangenheit” (Zitat Kontextualisierungstafel am Hauptgebäude) vorgibt, fehlt bisher jede Auseinandersetzung mit Ehrendoktoraten. Die GRAS TU hat in einer der vergangenen Sitzungen der Universitätsvertretung angeregt, die Ehrendoktorate genauer unter die Lupe zu nehmen. Eine Liste, die zumindest die offensichtlichsten Verwicklungen in nationalsozialistische Strukturen und Tätigkeiten aufzeigt, haben wir unserem Antrag vom 21. Januar 2016 beigelegt. Eine Aberkennung gab es an der TU Wien bisher erst ein Mal: Die Nationalsozialisten erkannten einem jüdischen Professor seine Ehrendoktorwürde ab. Seit etwa einem halben Jahr heißt es nun von Seiten der TU und auch der Hochschüler_innenschaft an der TU Wien, dass ein Projekt in Planung sei und die Auseinandersetzung damit anstehe. Im November 2016 soll außerdem endlich ein Gesamtverzeichnis der Opfer und Geschädigten des Nationalsozialismus an der damals Technischen Hochschule veröffentlicht werden.

Fazit

Wir sind skeptisch. Die Erfahrung der letzten Jahre, der Umgang der Fachschaftsliste der TU Wien mit dem Thema und auch mit dem immer wieder an der TU stattfindenden Bummel der rechtsextremen, deutschnationalen, schlagenden Burschenschaften legen nahe, dass die Ambitionen nicht allzu hoch gesetzt sind. Wir hoffen aber dennoch, dass sich – auch als Reaktion auf die unermüdliche Arbeit der Archivmitarbeiter_innen Paulus Ebner und seiner Vorgängerin Juliane Mikoletzky – aus der Selbstbeweihräucherung der 200-Jahr-Jubiläumsfeierlichkeiten eine selbstkritische, systematische und partizipative Untersuchung und Aufarbeitung entwickelt.

 

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